Von aussen wirkt es oft klar: «Warum gehst du nicht einfach?» Wenn du selbst in der Beziehung steckst, ist es viel schwieriger. Eine ungesunde Beziehung kann sich gleichzeitig vertraut, schmerzhaft und unentbehrlich anfühlen. Das gilt nicht nur für Partnerschaften, sondern auch für Familien, Freundschaften und den Arbeitsplatz.
Woran du eine ungesunde Dynamik erkennen kannst
Kommt dir etwas davon bekannt vor?
- Du wirst immer wieder abgewertet, manchmal so subtil, dass du beginnst, an dir selbst zu zweifeln.
- Deine Wahrnehmung wird immer wieder infrage gestellt, etwa mit Sätzen wie: «Das bildest du dir ein.»
- Nähe und Kälte wechseln sich ab, und du wartest auf die guten Momente.
- Du entschuldigst dich, obwohl du für das Geschehene nicht verantwortlich bist.
- Du ziehst dich von Freunden zurück, um Konflikte zu vermeiden.
- Du gehst wie auf Eierschalen und prüfst ständig die Stimmung.
- Wenn du Grenzen setzt, folgen Schuldgefühle, Vorwürfe oder Schweigen.
- Nach Begegnungen fühlst du dich eher ausgelaugt als gestärkt.
Einzelne dieser Verhaltensweisen können in jeder Beziehung vorkommen. Wenn sich jedoch mehrere davon wiederholen und du dich dabei selbst verlierst, lohnt sich ein genauer Blick.
Warum es so schwer ist zu gehen
Ungesunde Beziehungen können einen starken Sog entwickeln. Nach schwierigen Phasen gibt es manchmal wieder schöne Momente. Dieses Wechselspiel kann es schwer machen, zu gehen. Auch frühe Erfahrungen können eine Rolle spielen: Wenn Nähe in der Kindheit unsicher oder wechselhaft war, kann sich eine ähnliche Dynamik später vertraut anfühlen – selbst wenn sie dir nicht guttut.
Viele bleiben auch, weil sie hoffen, den anderen verändern zu können. Oder weil sie sich verantwortlich fühlen. Das macht dich nicht schwach. Es zeigt, wie sehr du dich um die Beziehung bemühst. Gleichzeitig darfst du prüfen, ob auch deine Bedürfnisse und Grenzen darin Platz haben.
«Du darfst gehen, auch wenn die andere Person deine Entscheidung nicht versteht.»
Der Ausstieg: praktisch, nicht in der Theorie
Was der nächste Schritt ist, hängt davon ab, ob es um eine Partnerschaft, Familie, Freundschaft oder den Arbeitsplatz geht.
Wenn Gewalt oder Drohungen im Spiel sind, hole dir Unterstützung, bevor du Grenzen setzt oder einen Ausstieg planst. Die Opferhilfe ist schweizweit rund um die Uhr unter 142 erreichbar. Bei akuter Gefahr ruf die Polizei unter 117.
Schritte, die vielen helfen:
- Schreib auf, was passiert. So kannst du das Erlebte später besser einordnen.
- Wenn möglich, sprich mit einer Person, der du vertraust. Du musst nicht gleich alles erzählen.
- Wenn es sich sicher anfühlt, kannst du eine kleine Grenze setzen und beobachten, wie darauf reagiert wird.
- Du musst dich nicht immer wieder rechtfertigen. Ein klares Nein darf kurz sein.
- Plane konkrete Schritte, die zu deiner Situation passen – etwa eine Unterkunft, finanzielle Fragen und Unterstützung. Überlege auch, wann du sie sicher umsetzen kannst.
- Du musst nicht darauf warten, dass die andere Person Einsicht zeigt. Deine Entscheidung braucht keine Zustimmung.
Nach dem Ausstieg
Nach dem Gehen können widersprüchliche Gefühle auftauchen: Erleichterung, Trauer, Zweifel, manchmal auch Sehnsucht. All das darf da sein. Wenn du bereit bist, kannst du in Ruhe anschauen, was du erlebt hast und was du künftig brauchst – nicht, um dir die Schuld zu geben, sondern um dich selbst besser zu verstehen und deine Grenzen wahrzunehmen.
Im Impuls «Wege in eine liebevolle Beziehung» erfährst du mehr darüber, warum sich Beziehungsmuster wiederholen.
Du musst den Weg nicht allein gehen
Im Einzelcoaching schauen wir gemeinsam auf deine Situation, deine Grenzen und darauf, welche nächsten Schritte sich für dich stimmig und sicher anfühlen.



